Clausthaler Geowissenschaften
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Clausthal-Zellerfeld
2006
 
Neue Neandertaler-Artefakte und Faunenreste
in der Einhornhöhle bei Scharzfeld

JAN-MICHAEL ILGER & RALF NIELBOCK

1 Einleitung
In den Jahren 1985-88 wurden vom Institut für Geologie und Paläontologie der TU Clausthal in Zusammenarbeit u.a. mit dem Niedersächsischen Landesmuseum in der Einhornhöhle bei Scharzfeld im Südharz interdisziplinäre Ausgrabungen durchgeführt (NIELBOCK 1987; 1989). Aufgrund von erstmaligen Werkzeugfunden aus der Zeit des Neandertalers konzentrierten sich die Grabungstätigkeiten auf den sogenannten Jacob-Friesen-Gang (JFG). Dies ist ein ca. 40 m langer Nebengang der Höhle, der in den Jahren 1926/28 in eiszeitliche Höhlensedimente hinein gegraben wurde (z.B. NIELBOCK &VEIL 2005).
Drei der offenen Grabungsstellen wurden Ende 2004 leider durch eine Raubgrabung heimgesucht. Der oder die Täter waren unberechtigterweise während der Winterruhe in das Höhlensystem eingedrungen. In den Grabungsstellen JFG-01, -02 und -03 (Abb. 1) war offenbar zielgerichtet, aber stümperhaft in den fossilführenden Schichten gegraben worden. Die ebenfalls aufgeschlossenen fossilarmen, z. T. sterilen Schichten der Grabungsprofile blieben unberührt. Insgesamt hatte/n der/die Raubgräber über einen Kubikmeter Sediment bewegt und durchsucht. Das durchwühlte Sediment wurde vom Täter in den Grabungsstellen belassen.
In Absprache mit der Unteren Denkmalschutzbehörde wurde daraufhin 2005 das gestörte Sediment zur Sicherung noch enthaltener Funde entnommen. Diese Aktion wurde gemeinsam vom Höhlenbetreiber, der Gesellschaft Unicornu fossile e.V. und dem Institut für Geologie und Paläontologie durchgeführt.

2 Methoden
Ziel der wissenschaftlichen Arbeit im Jahr 2005 war es, die ursprüngliche Grabungssituation möglichst gut wiederherzustellen. Dazu musste zunächst das zerstörte Sedimentgefüge aus den Grabungsstellen entfernt und abtransportiert werden. Anschließend wurden die Grabungsstellen gereinigt und wieder sorgfältig mit Planen abgedeckt.
Das aus der Höhle abtransportierte Material konnte anhand der Sedimentbeschaffenheit und Farbe zum Teil einzelnen Abschnitten des Profils zugeordnet werden.
Die Proben wurden im Folgenden aufgeschlämmt und nass mit Maschenweiten von 10, 4 und 1 mm gesiebt. Aus dem von der Feinfraktion getrennten Sediment wurden Fossilreste und Artefakte aussortiert, gereinigt, nach Schicht- und Grabungsstellenzugehörigkeit katalogisiert und archiviert.


Abb. 1: Grundriss der Einhornhöhle bei Scharzfeld/ Harz mit Benennung der
wichtigsten Höhlenteile und Lage der Grabungsstellen im Jacob-Friesen-Gang

3 Ergebnisse
Fundinventar Grabungsstelle JFG-01:
Ursus spelaeus: zahlreiche Bruchstücke von Langknochen, Rippen und Schädeln, 2 Gelenkköpfe,
1 Wirbel, 1 Bruchstück des linken Oberkiefers, 2 Phalangen, >40 juvenile Canini, 1 adulter Incisivus, 1 adulter Eckzahn, 2 Molaren, wenige Prämolaren und juvenile Incisivi, div. Zahn-Bruchstücke. – Canis lupus: 1 Astragalus – 1 unbestimmter Großsäuger-Knochen – mittelgroße Säuger: 1 Wirbel, 3 Langknochen – Kleinsäuger: diverse Mäuseknochen: 4 Schädel (± vollständig), mindestens 1 Maus vollständig, diverse Langknochen, Wirbel, einzelne Zähne (v.a. Molaren und Incisivi, 1 Humerus von Talpa europaea – Mittelpaläolithische Artefakte und Werkstattabfälle: 2 möglicherweise bearbeitete Knochen (Ursus spelaeus), 22 Abschlagscherben (0,4 bis 1,7 cm).

Fundinventar Grabungsstelle JFG-02:
Großsäugerknochen, vorrangig Ursus spelaeus: zahlreiche Bruchstücke von Langknochen, Rippen, Schädeln, 1 Kniescheibe, 1 Wirbel-Bruchstück – mittelgroßer Kleinsäuger: 3 Gelenkköpfe, diverse Langknochen, 11 juvenile Canini, 2 juvenile Prämolaren, 3 adulte oder subadulte Zähne, Bruchstücke eines adulten Caninus, weitere Bruchstücke – Kleinsäuger (v.a. Fledermäuse und Mäuse): Langknochen, Rippen, Wirbel, Unterkiefer, einzelne Incisivi und Molaren, 1 Kieferbruchstück, Schädelfragmente, nach Anzahl der Unterkiefer mindestens 15 Individuen – Artefakte: 1 großes Artefakt (6,05 x 3,6 x 1,9 cm), 7 kleinere Artefakte, 1 Knollenbruchstück (3,9 x 2,75 x 1,6 cm), 1 größeres Artefakt (2,3 x 1,8 x 0,3 cm), 6 kleine Bruchstücke (1 davon auffällig grün).

Fundinventar Grabungsstelle JFG-03:
Ursus spelaeus: zahlreiche Bruchstücke von Langknochen, Rippen und Schädeln, 2 Gelenkköpfe, 1 langes Rippenbruchstück (8,1 cm), einige Langknochen z.T. pränatal – andere Großsäuger: ca. 40 Bruchstücke der Rippen (0,2 bis 6,5 cm) von Bison – isolierte Zähne von diverse Kleinsäugern (v.a. Mäuse); 1 Phalange eines mittelgroßen Säugers, 3 Humeri von Talpa europaea (mindestens 2 Individuen).
Die Kleinsäugerknochen lassen sich gut unterscheiden nach rezentem und fossilem Material: Die überwiegende Anzahl der isolierten Knochen und Zähne von Rodentia und auch Spitzmäusen sowie die Humeri der Maulwürfe haben eine dunkelbraune bis schwarze Farbgebung, sie entstammen somit eindeutig den eemzeitlichen Sedimenten im Hangenden. Die hellbraunen Knochen und Schädel einer Rötel- und einer Scheermaus stammen von rezenten Tieren, denen die 1-2 m tiefen Grabungsstellen zur Falle wurden.

Das Fundmaterial wird z.Z. paläontologisch und im Landesmuseum Hannover archäologisch untersucht. Eine umfassende Veröffentlichung wird nach Abschluss der Arbeiten folgen (NIELBOCK & ILGER in Vorb.).

4 Literatur
NIELBOCK, R. (1987):Holozäne und jungpleistozäne Wirbeltierfaunen der Einhornhöhle/Harz. – Diss. TU Clausthal: 194 S., 121 Abb., 21 Tab.; Clausthal-Zellerfeld
NIELBOCK, R. (1989):Die Tierknochenfunde der Ausgrabungen 1987/88 in der Einhornhöhle bei Scharzfeld. – Archäolog. Korr.-Blatt 19: 217-230, 5 Abb., 1 Tab.; Mainz
NIELBOCK, R. & ILGER, J.-M. (in Vorb.):Neue Neandertaler- Artefakte und eiszeitliche Faunenreste aus der Einhornhöhle. – Mitt. Verb. dt. Höhlen u. Karstforscher; München
NIELBOCK, R. & VEIL, S. (2005):Die Einhornhöhle – Tierfriedhof des Eiszeitalters und Spuren aus der Zeit des Neandertalers. – ArchäologieLandNiedersachsen, 25 Jahre Denkmalpflege – 400.000 Jahre Geschichte: 171-175, Oldenburg
  
Anschrift der Autoren:
Dipl.-Geol. Jan-Michael Ilger
Institut für Geologie und Paläontologie
TU Clausthal
Leibnizstr. 10, 38678 Clausthal-Zellerfeld
jan-michael.ilger@tu-clausthal.de

Dr. Ralf Nielbock
Gesellschaft Unicornu fossile e.V.
Im Strange 12, 37520 Osterode am Harz
bureau@einhornhoehle.de

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