Der Höhlenforscher Dr. Ing. Friedrich Stolberg schrieb 1968 in seinem Buch
„Befestigungsanlagen im und am Harz von der Frühgeschichte bis zur Neuzeit“


398. Scharzfels, Burg- und Festungsruine. Barbis, Kr. Osterode, Bez. Hildesheim.

Name: Scharzfels, Scharzfeld.

Meßtischblatt: 2450/4328 Bad Lauterberg; S 13,9; W 31,3.

Allgemeine Lage: Südharzrand am Austritt der Oder (Liesgau).

Örtliche Lage: 380-400 m NN auf Felsriff eines gegen Südwesten vorspringenden Bergsporns über der Oder (250 m NN), 0,7 km nordnordwestlich Domäne Scharzfels-Barbis und 0,65 km nordöstlich Bahnhof Scharzfeld.

Baugrund: Zechstein-Hauptdolomit über Wissenbacher Schiefer des Devon.

Baumaterial: Bruch- und Werkstein aus Dolomit, Grauwacke des Wissenbacher Schiefers, Backstein. Gipsmörtel.

Beschreibung: Ober- und Unterburg. Die Oberburg (Hauptburg) angelegt auf einem ca. 110 m langen, bis zu 20 m hohem Dolomitriff, dessen Gliederung und natürliche Höhlen für den Burgbau ausgenutzt wurden. Der Südwestteil des Riffes besteht aus einer kompakten Masse, ca. 30X50 m, der Nordostteil verläuft als schmaler, an seinem Ende in natürliche Felstürme aufgespaltener Grat von ca. 60 m Länge und ca. 2 bis 10 m Breite. Der alte Aufgang (1857 durch massive geradläufige Treppe ersetzt) befindet sich im Winkel zwischen dem breit ausladenden Südwestteil und dem Gratfortsatz. Hier mündet, 8-9 m über dem Erdboden, der 2 m breite und 15 m lange Tortunnel, der die Felsplattform unterfährt und in den 15X20 m breiten Hof der Oberburg mündet. Der Eingang (Burgtor) war ursprünglich nur über Leitern oder Holzrampen zu erreichen. Der Tunnel selbst folgt natürlicher Klüftung, vorhandene Hohlräume zu beiden Seiten sind zu Wachstube, Kasematten, Vorratsräumen künstlich erweitert. Besonders bemerkenswert ist die große, neben dem Tunnel im Hof zu Tage ausgehende Felskammer, sie hat in ihrer westlichen Ecke einen kurzen, künstlich erweiterten Schacht, der vermittelst einer natürlichen Kluft am Fuß des Felsens in den Burggraben mündet (Fluchtgang?). Gegen Südosten ist der Hofplatz durch eine 10 m hohe Futtermauer mit eingebundenen Entlastungsbögen erweitert, er läuft südlich in eine schmale Felsnase mit Auslug aus, von dem aus Odertal und Vorland eingesehen werden konnten. Die nordwestliche Hofwand bildet wieder der aufsteigende Fels, auf dessen oberer Plattform spärliche Reste von Grundmauern die Lage des einstigen Palas andeuten. Eine Pforte in der Ostecke des Hofes leitete zum Burgbrunnen, der von der Unterburg aus durch einen mächtigen, 9 m Durchmesser haltenden, halbrunden Brunnenturm bis zur Höhe der Oberburg geführt war. Vom Brunnenturm sind nur noch die Maueransätze an der Felswand zu erkennen, in voller Stattlichkeit erscheint er noch auf Merians Stich 1654. (Neuzeitliches Brunnenhaus in der Unterburg 1857.) Den Übergang von der obersten Felsplatte mit dem Palas zu dem nach Nordost ansetzenden Grat nahm der runde Bergfried ein, er besaß 9 m Durchmesser bei 2,5 m Mauerdicke und ist bis auf wenige Quaderlagen verschwunden. In voller, stattlicher Höhe zeigt ihn wiederum noch Merians Stich 1654. Der Bergfried beherrschte den Aufgang mitsamt der Unterburg.
Die Unterburg erstreckt sich in ganzer Länge der Oberburg südöstlich an deren Fuß. Auch hier sind kleine Felsgelasse ausgeweitet, nordöstlich bilden zwei vom Hauptfels abgespaltene natürliche Felstürme den Abschluß gegen die Angriffseite. Nach Merians Stich waren auch diese Naturtürme mit Aufbauten versehen. Bauten der Unterburg sind nicht erhalten, jedoch der Brunnen am Fuß der Felswand zur Oberburg mit 32 m Tiefe; das neogotische Brunnenhäuschen stammt von 1857 (vgl. oben). Längs der Südostseite Spuren eines Zwingers; rund um die ganze Anlage, Ober- und Unterburg umschließend, Ringgraben mit Vorwall. Nordöstlich vor den beiden Felsen der Unterburg eine ca. 50 m lange, vermutlich 1621 angelegte Erdbastion zur Deckung des hier ankommenden Burgweges. Luftlinienentfernung vom Scharzfels zum Frauenstein und zur Schandenburg jeweils 250 m (vgl. dort). Am südlichen Ende der Unterburg seit 1962 kleine Gaststätte und neuer Eisenbeton- Treppenanstieg zur Oberburg.

Geschichte: Entsprechend dem nur 2 km westlich gelegenen Ritterstein mit Burgwall (vgl. dort) und der nahen Einhornhöhle kann auch für den Scharzfels ur- oder frühgeschichtliche Besiedlung angenommen werden, da sich die von natürlichen Hohlräumen durchsetzte geräumige Klippe dazu darbot. Ausbau zur Reichsburg vermutlich im 10. Jh. zum Schutz von Pfalz und Abtei Pöhlde. Erste urkundliche Nennung 1131, König Lothar (v. Supplinburg) erwirbt die Harzburg „Scartvelt“ vom Erzstift Magdeburg, weiterhin Reichsburg. 1132 eigener Adel, als königlicher Lehensmann Sigebode v. Scharzfeld, Stammvater der Grafen v. Scharzfeld und Lauterberg. 1158 fällt die Burg durch Tausch zwischen Friedrich I. und Heinrich dem Löwen an den letzteren und verbleibt fortan in welfischer Lehenshoheit. 1180 im Kampf zwischen Friedrich I. und Heinrich dem Löwen gleich anderen Harzburgen wieder unmittelbar in kaiserlicher Hand bis zur Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Herzog. 1203 bei der Teilung der Allode Heinrichs des Löwen fällt das „castrum Scartuelt“ an Otto IV. mitsamt dem benachbarten Lauterberg (vgl. dort). Mit Burchard IV., 1295 genannt, erlischt das Geschlecht der Lehensträger, der Grafen v. Scharzfeld-Lauterberg; die erledigte Grafschaft fällt 1300 an die v. Hohnstein, die ohne Unterbrechung im Lehensbesitz der Burg blieben bis zu ihrem Aussterben 1593. Damit fällt die Burg wieder unmittelbar an die Grubenhagensche Linie der Welfen zurück. 1596 erbt Herzog Heinrich Julius v. Braunschweig-Wolfenbüttel den Scharzfels, seine Vorliebe für den Festungsbau mag zu ersten, durchgreifenden Maßnahmen geführt haben, vielleicht zur Erweiterung des nahen Frauensteins (vgl. dort). 1617, nach gewonnenem Rechtsstreit, zieht die Lüneburger Welfenlinie (Hannover) auf Scharzfels ein. 1627 Garnison, Ausbau zur zeitgemäßen Festung. Staatsgefängnis. 1695 bis 1697 wird hier Eleonore v. d. Knesebeck, die in die Tragödie der Prinzessin v. Ahlden und des Grafen v. Königsmarck verwickelt war, in Verwahrsam gehalten. Mit Hilfe des Dachdeckers Rentsch gelingt ihr die abenteuerliche Flucht aus der Felsenburg vom Dach aus hinab in den Wallgraben. Die Burg bleibt Garnison, Belagerung im Siebenjährigen Krieg durch die Franzosen unter General Vaubecourt 1761. Nach - angeblich durch Verrat - erfolgter Überrumpelung des Frauensteins und Beschießung von der Schandenburg aus Kapitulation am 25.9.1761. Es folgte die vollkommene Zerstörung der Burg. 1857 ließ König Georg V. mit Neubauten in neoromanischem Stil beginnen: Monumentaler Treppenaufgang zur Oberburg, Brunnenhäuschen und äußeres Tor. Letzteres ist verfallen, der Treppenaufgang baufällig und gesperrt, nur noch das Brunnenhaus besteht.

Lit. u. Abb.: UB Erzstift Magdeburg 224; Merian, Topogr. 1654; Hdb. d. Hist. St. D., Niedersachsen Bd. 2 1960 S. 356 f.; Dehio/Gall, 1934 S. 175; Hoffmann, 1836 S. 93 ff.; Jacob-Friesen, 1926 S. 28 f.; Schnath, Niedersächs. Jb. 27 1955 S. 149 ff.; Tillmann, S. 941; Gr. Stein/Stolberg.

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