Brücken und Stege über Oder und Sieber


Plötzliche Schneeschmelze und langanhaltender Landregen waren die Gründe, dass die beiden, im Oberharz entspringenden Flüsse Oder und Sieber, immer wieder Schäden, durch Fortspülung des fruchtbaren Mutterbodens anrichteten.

Für Hattorf gab es immer wieder wahre Katastrophen, wenn gleichzeitig beide Flüsse Hochwasser führten. Im Jahre 1934 war z. B. dies der Fall, und das ein Jahr zuvor errichtete massive Mühlenwehr wurde buchstäblich auseinandergerissen. Links in Flussrichtung bildete sich damals hinter dem Mühlenwehr eine Tiefe Ausspülung, die bis in die Sechziger Jahre als Müllkippe genutzt wurde.

Die erste Nachricht über ein gefährliches Hochwasser stammt aus dem Jahre 1800:
Als die Sieber drei Ellen (1.05 m) über Normal führte. Dassselbe ereignete sich in den Jahren 1803, 1808, 1810, 1827, 1830, 1837, 1844 und 1851.

Besondere Schäden erlitten dann immer die "Dreckmühle" und die "Angermühle", insbesondere dann, wenn die Fluten der Sieber das Mühlenwehr oberhalb der "Ellern" fortriss. Das erste Mühlenwehr befand sich etwa in Höhe der ehemaligen Molkerei; später wurde es oberhalb des Dorfes errichtet.


In alter Zeit führte nur ein hölzerner Steg über die Oder, etwa 150 m oberhalb der jetzigen Oderbrücke in Höhe des "Schafstalls". Bis vor einigen Jahren konnte man noch Reste von eingerammten Pfählen im Flussbett sehen. Dieser Steg war zu damaliger Zeit die einzigste Möglichkeit, die Oder trockenen Fußes zu überschreiten. Zahlreiche Eselstreiber die, von Thüringen kommend, den Roggen in das Kornmagazin in Osterode brachten, waren auf diesen Überweg angewiesen. Da dieser Steg nur auf einer Seite mit einem Geländer ausgestattet war, mussten immer wieder tödlich ausgehende Unglücksfälle beklagt werden, die sich bei nassem Wetter und Glatteis ereigneten:

1606
im November ist der Sohn von Claus Pape, den der Rödermüller nach Sieber gefahren hatte, als das Pferd gescheut, von dem Karren in's Wasser gestürtzet und ersoffen.

1610
im März ist Matz Hankenmann, Schulze zu Mevenstat, jenseits Mühlhausen gelegen, allhier vor dem Rodenberge in der Lake (Oder) jämmerlich ersoffen.

1627
ist eine Frau aus Falkenhagen allhier auf dem Klusanger vom Stege in das Wasser gefallen und ersoffen.

1713
im August ist ein armes Kind (nämlich aus der Fremde) mit seinem Vater über den Pfingstangersteg gegangen, vom Stege gefallen und ertrunken.

1741
im März ist ein Mann von Osterode, welcher zu Gieboldehausen eine Kuh gekauft und mit derselben über das Siebersteg am Anger ziehen wollen aber heruntergefallen und den Hals eingestürtzt.

1823
ertrank der fünfjährige Sohn des August Lohrengel, Nr. 147, in der Oder.


Die Hattorfer Bauern die ihr Holz aus dem Rotenberg holten, fuhren mit ihrem Gespann an seichten Stellen, sogenannten "Furten", quer durch den Fluss. Mancher Fuhrmann, der mit seinen Pferden, Ochsen oder Kühen in ein Loch im Flussbett geriet, büßte jedoch das kalte Bad oft mit dem Tode oder einem langen Siechtum ...

Hölzerne Behelfsbrücke über die Oder in den Nachkriegsjahren



Interessant ist auch die Geschichte der Oderbrücke zwischen dem Auekrug und dem Rotenberg (heutige B27). Im Jahre 1901 genügte diese Brücke nicht mehr dem immer stärker werdenden Verkehr. Nach langem Hin und Her erklärte sich die Provinzialwegeverwaltung endlich bereit, eine moderne Brücke aus Eisenbeton und Stein zu errichten. Die Vertreter der Anliegergemeinden Hattorf und Pöhlde wiesen dem Baurat, welchem die Planung übertragen war, auf die Gawalt der Oderhochwässer hin. Da dieses Jahr aber ein trockenes war, und die Oder kaum Wasser führte, meinte der Baurat, "das bisschen Wasser könnte ja eine Kuh aussaufen". Der Neubau begann trotzdem und verschlang die stolze Summe von 16.000 Mark, damals viel Geld, kostete doch ein Pfund Kalbsbraten zu damaliger Zeit 40 Pfennige.

Am Dienstag, dem 19. November, fand mit dem üblichen Aufgebot von Ehrengästen und mit vielen guten Reden auf "Seine Majestät" die feierliche Einweihung der neuen Brücke statt. Die Fahrbahn war 6 Meter breit und die Gehsteige waren mit soliden Sandsteinplatten belegt. Tannengrün und bunte Girlanden schmückten an diesem Tage das Geländer. Von einem Masten flatterte die schwarzweißrote Flagge.

Die Einweihungsfeier fand im Auekrug statt, währenddessen öffnete der Himmel seine Schleusen und der Baurat war froh, als er die Fahrt in der offenen Kalesche zum Bahnhof Hattorf hinter sich hatte und im Zug saß.

Es regnete die ganze Nacht sehr heftig, insbesondere auch im Harz. So schwoll die Oder von zu Stunde zu Stunde heftig an. Am Mittwoch in den frühen Morgenstunden passierte es dann: Der nördliche der vier Brückenpfeiler, der bereits von den Wassermassen unterspült war, begann zu sinken. Der herbeigerufene Wegemeister beorderte sofort zwei Wachen aus Hattorf und Pöhlde, um die Brücke zu sperren. Die Pöhlder waren zuerst zu Stelle. Bei Ihrem Eintreffen war die Brücke bereits in ihrer ganzen Länge geborsten und nur ein Bankett verband noch beide Ufer.

Diesen höchst gefährlichen Weg überschritt die Wache, um auf der anderen Seite die Chaussee zu sperren. danach traten die drei Männer den Rückweg an, als sie in der Mitte der Brücke waren, brach sie mit Getöse zusammen und riss die Unglücklichen in das tosende, braungefärbte Wasser. Zwei Wärtern gelang es, weil sie in einen toten Arm der Oder geschleudert wurden, sich an Wurzelwerk zu halten, wo sie von den inzwischen herbeigeeilten Hattorfer Kameraden gerettet wurden. Streckenwärter OHNESORGE aus Pöhlde, der eine Witwe und drei Kinder hinterließ, ertrank hierbei. Seine sterblichen Überreste wurden erst gefunden, als sich das Hochwasser verlaufen hatte.

Schaurig war das Bild, das die Unglücksstätte am anderen Morgen bot. Ein Augenzeuge von damals wusste: "Das noch mit Tannengrün und Girlanden geschmückte Geländer ragte wie ein Grabschmuck aus der Tiefe hervor". Wie mag dem verantwortlichen Baurat damals zumute gewesen sein? Er wird sich selbst nicht freigesprochen haben von der schweren Schuld, obwohl später ein Gericht sie nicht für erwiesen hielt ...

Die alte Brücke, die etwa 10 m oberhalb der Unglücksbrücke stand, wurde in derselben nacht ebenfalls zerstört. 1902 wurde der Neubau in Angriff genommen. Ein langes Leben indes war auch ihr nicht vergönnt. Beim Herannnahen der Amerikaner wurde sie im Mai 1945 gesprengt und kurze Zeit später durch eine starke Behelfsbrücke ersetzt, bis endlich im Jahr 1960 die jetzige, allen modernen Verkehrserfordernissen entsprechende, Brücke entstand.



Die Sieber konnte in früher Zeit lediglich über einen Holzsteg überquert werden. Die Lage diese Steges war bedingt von dem Verlauf der "Nürnberger Handels- und Heerstraße". Diese führte, vom Rotenberg kommend, über den jetzigen Schulhof der "Grundschule an der Sieber" über den Fluss. Etwa 50 m unterhalb der heutigen Fußgängerbrücke befand sich das hölzerne Bauwerk. Dieser Steg wurde von dem Dichter und Maler Wilhelm Busch, welcher oft in Hattorf weilte, gezeichnet:


Siebersteg, nach Wilhelm Busch


 

Im Gegensatz zur Oder, wird der Pegel der Sieber nicht durch eine Talsperre im Harz geregelt. Abflussspitzen können daher recht regelmäßig in Hattorf beobachtet werden. Die moderne Straßenbrücke zwischen der Mitteldorfstraße und der Herzberger Landstraße waren den Hochwässern der Sieber allzeit gefeit.
 


Extreme Hochwasserlagen, etwa alle 7 Jahre, bescheren dem Siebersteg zwischen der ehem. Molkerei und der Grundschule aber regelmäßige Sperrungen für Fußgänger- und Fahrradverkehr! Nicht umsonst, wenn man beobachtet, welche Flut von mitgerissenen Baumstämmen in solchen Zeiten an die Brücke kracht.